Der Drahtseilakt

»Um ehrlich zu sein: Ich kannte ihn gar nicht«, sagt Christian Mai über Philippe Petit, dem Ursacher seines Lieblingsspruchs in der GGS. Kein Wunder, als der französische Jongleur und Artist auf dem Höhepunkt (und das ist wörtlich gemeint) seiner Karriere war, war Christian Mai noch nicht mal geboren. Es ist der 7. August 1974: Das World Trade Center in New York ist noch nicht fertiggestellt, da spannt sich ein Drahtseil zwischen die Twin Towers – und Philippe Petit balanciert in über 400 Meter Höhe ohne Absicherung mehrmals zwischen den Türmen hin und her.

Später, 2008 in der mit einem Oscar prämierten Filmdokumentation »Man on Wire«, wird Petit sagen: »Das Leben ist kurz. Tue deshalb nur Dinge, die bedeutend sind. Vergeude keine Zeit mit etwas, das nicht schön, nicht bereichernd ist.« Genau dieser Spruch steht im vierten Stock an der Wand neben Christian Mais Büro. Der wissenschaftliche Mitarbeiter wird so täglich mit diesen Worten konfrontiert – und durch sie inspiriert.

Für Mai sind sie Motivation, Aufgaben mit Zuversicht anzugehen. Petit habe bei dem illegalen Drahtseilakt in 400 Metern Höhe keinen Gedanken daran verlieren dürfen, dass er es nicht schafft. »Man muss bedenken: Bei all dem, was wir täglich tun, steht unser Leben nicht auf dem Spiel«, betont der 27-Jährige. Warum also zögern, warum zweifeln? »Wir zerdenken viele Dinge zu oft und lange.«

Der Spruch Petits erreicht so zum einen den Entrepreneur Christian Mai: Sie treiben ihn an, jeden Tag Spitzenleistung zu bringen, das Beste aus sich herauszuholen. Sie prägen aber gleichermaßen den Forscher in ihm, der darauf bedacht ist, Dinge zu tun, die bedeutsam sind. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter ist Mai auf der Suche nach Antworten und Lösungen, die anderen Menschen einen Nutzen bringen.

Daher hat Mai einiges an Bewunderung für Petit übrig, dessen Aktionen viele Menschen jeglichen Sinn und Zweck absprechen. Petit habe es vom Straßenkünstler ganz weit nach oben geschafft, »auch in den Köpfen der Menschen«, sagt Christian Mai. Selbst heute noch, 40 Jahre nach dem waghalsigsten Drahtseilakt seines Lebens.