Die Welt mit neuen Augen sehen

In jedem Wissenschaftler steckt ein kleiner Kolumbus. »Forschung ist stets die Suche nach dem unentdeckten Land«, sagt Heinz-Theo Wagner, Professor für Management und Innovation an der GGS. Deshalb ist sein Lieblingszitat in der GGS das des französischen Schriftstellers Marcel Proust: „The real voyage of discovery consists not in seeking new landscapes but in having new eyes.“ Doch Moment mal – so ganz geht das nicht mit Kolumbus einher. Denn Kolumbus entdeckte zwar Amerika und damit neues Land (»seeking new landscapes«), doch wusste er es nicht. Er wähnte sich ja in Indien. Erst Amerigo Vespucci identifizierte wenige Jahre später Amerika als neuen Kontinent (»new eyes“) und prägte den Begriff der »Neuen Welt«, die daher seinen Namen trägt. 

Gute Wissenschaft bedeutet für Wagner also nicht zwangsläufig, komplett Neues zu entdecken. Im Gegenteil, »wissenschaftlicher Fortschritt kommt häufig dadurch zustande, dass ein bekanntes Phänomen aus einer neuen Sichtweise betrachtet wird«, sagt der gebürtige Hesse und nennt ein weiteres Beispiel: Newton und Einstein. Zwar beschrieb Isaac Newton die Schwerkraft als physikalisches Phänomen, doch es war Einstein, der mit seiner Relativitätstheorie die Vorstellung von Gravitation bahnbrechend weiterentwickelte – mehr als 200 Jahre später.

Kraft für Innovation

Einen neuen Blick auf bekannte Sachverhalte werfen, Altbewährtes kritisch hinterfragen, ist für den Forscher Wagner ein zentrales Anliegen. »Keiner hat die Wahrheit gepachtet«, betont er. Das gelte für die Wissenschaft genauso wie für die Wirtschaft. Unternehmen sollten ebenso Betriebsblindheit vermeiden und stattdessen mit offenen – mit neuen – Augen Vorhandenes hinterfragen, um neue Wege zu eröffnen. Darin liege meist die Kraft für Innovation und der Schlüssel zum Erfolg, erzählt Wagner, der zahlreiche Unternehmen dabei berät, wie sie ihre Potenziale ausschöpfen können.  

Der berühmte Blick über den Tellerrand ist also keine Floskel, sondern schlicht notwendig. Ein Studium an der GGS ermöglicht das, sagt der promovierte Wirtschaftsinformatiker. Die Studierenden lernen im Austausch mit anderen, Dogmen zu hinterfragen und neue Lösungswege zu erschließen. Die neuen Erkenntnisse und Sichtweisen können sie direkt in ihr Unternehmen tragen. »Das Bestreben, bestehende Dinge mit anderem Blick zu sehen und neu zu bewerten«,  sagt Heinz-Theo Wagner, »das ist manchmal viel wertvoller als danach zu streben, etwas völlig Unentdecktes zu sehen«.