Eine Schwalbe in Schwaben

Ihr Vater hätte es eigentlich wissen müssen, als er seiner Tochter den Namen Yan gab – das chinesische Wort für Schwalbe. Kein Wunder also, dass Yan Jing-Müller irgendwann ihre Flügel ausbreitete und aus ihrer Heimat Nanjing in die Welt hinausflog – und in Schwaben landete. »Maximal für ein Jahr«, erzählt Jing-Müller, war ihr Aufenthalt in Deutschland geplant. Das war 1989. Inzwischen lebt und arbeitet sie seit 28 Jahren in Deutschland. Die vergangenen vier davon an der GGS, wo sie als Mitarbeiterin im Programme Office Studierende im LL.M. in Business Law betreut.

»Niemals« hätte sie gedacht, dass sie für immer Deutschland bleiben würde. Ihrem Vater fiel damals schon die Kinnlade herunter, als er hörte, dass sie überhaupt gehen möchte, um in Stuttgart für ein deutsches Unternehmen zu arbeiten, das ein Joint Venture in China plante. Doch Yan Jing-Müller, die auf einem Fremdsprachen-Internat Deutsch gelernt und nach dem Gao Kao, dem chinesischen Abitur, Finanzbuchhaltung studiert hatte, setzte sich durch. So landete sie eines Tages in Frankfurt – und musste feststellen, dass sie trotz Sprachenunterrichts nur wenig versteht. »Ich habe dann erstmal eine Cola gekauft, um zu testen, ob ich mich wirklich verständigen kann.« Der Testkauf glückte und damit auch der Start in ihr neues Leben in Deutschland.

Aus dem Herzen Chinas

Seitdem ist Jing-Müller in zwei Welten zuhause und nennt sich selbst ein »Sandwich-Kind«. Sie möchte sich gar nicht für oder gegen ein Land entscheiden. Davon zeugt auch ihr Name. An den Deutschen schätzt sie die klare Linie. »Hier steht man für Ja oder Nein.« In Asien lächelten die Leute zwar, aber man wisse nicht, was dahinter steckt. An China vermisse sie natürlich besonders ihre Familie. Mindestens einmal im Jahr reist sie daher in die Universitätsstadt Nanjing südlich von Peking. Jing-Müller beschreibt die geografische Lage als Herzen des Hahns, den die Grenzen Chinas abbilden.

Sie liebt ihr Heimatland, ohne einen allzu verklärten Blick darauf zu haben. So kritisiert sie den starken Druck in der chinesischen Leistungsgesellschaft heutzutage, den Kinder von klein auf zu spüren bekommen. Dagegen lobt sie, wie gut ältere Leute ins gesellschaftliche Leben integriert seien. »Man sollte es mit seinen eigenen Augen entdecken«, sagt Yan über China. Reisende würden ein weltoffenes Land erleben, ihre Landsleute seien neugierig und stets bereit, Neues zu lernen. Eine Eigenschaft, die sie auch immer wieder an den Dozenten und Studierenden an der GGS feststellt und daher den Kontakt zu ihnen besonders schätzt. Für Jing-Müller ist die Business School eine Denkfabrik, in der sie und ihre Kolleginnen aus dem Programme Office einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass der Studienbetrieb reibungslos abläuft.

 In Heilbronn fühlt sich Yan Jing-Müller angekommen, nachdem sie 1998 aus beruflichen Gründen aus Stuttgart hergezogen war. Geblieben ist sie aus persönlichen. Mit ihrem Mann und ihrem elfjährigen Sohn lebt sie in Massenbachhausen, wo sie gerne mit ihrer toffeebraunen Vespa durch die Gegend düst. Und auch sonst mag sie es in ihrer Freizeit abenteuerlich. Es ist nur schwer zu glauben, dass die stets so geschmackvoll gekleidete Chinesin in ihrer Freizeit gerne mit dem Zelt loszieht, um »in der Pampa« zu campen oder ihren Mann als Sozia auf Motorradtouren begleitet. Eine Schwalbe hält es eben nicht lange in ihrem Nest.