Lean Production bei Ritter Sport: Ein Schokoladenhersteller nimmt ab

19.07.2017

»Schlanke Schokolade«, das Thema des Heilbronner Management Dialogs gestern Abend klang verlockend. Doch wer glaubte, er hört einen Vortrag über kalorienarmen Schokogenuss, täuschte sich. Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Alfred Ritter GmbH & Co. KG, Andreas Ronken, bezog sich in seinem Vortrag nämlich nicht auf den Konsum, sondern auf die Produktion der kakaohaltigen Süßigkeit. Vor 120 Gästen in der neuen Aula sprach er darüber, wie schlanke Prozesse Qualität und Wertschöpfung verbessern. 

Ronken, der seit 2005 den Chefposten beim Schokoladenhersteller aus dem schwäbischen Waldenbuch inne hat, ist ein leidenschaftlicher Verfechter der Lean Philosophie. Das Ziel: Verschwendungen eliminieren und dadurch neue Ressourcen freisetzen. Lean Production soll daher nicht nur ein Managementprojekt von einigen wenigen sein. »Es muss im gesamten Unternehmen integriert werden wie das tägliche Zähneputzen.« Was macht also Ritter Sport? Produziert nur noch das nach, was tatsächlich aus den Lagern auf den Markt fließt. Weiterer Vorteil: Die Ware kommt immer frisch in den Supermarkt.

Überhaupt gibt es eigentlich nichts, was nicht verbessert werden kann. So erzählte Ronken von einem Gabelstapelfahrer, der seinen täglichen Fahrweg auf dem Gelände auf einem Blatt Papier nachgezeichnet und ausgerechnet hat, dass er 3,5 Kilometer einsparen würde, wenn er eine bestimmte Wand nicht umfahren müsste. Was macht also Ritter Sport? Durchbricht die Wand und setzt damit Zeit für Anderes frei. Der studierte Maschinenbauer Ronken betonte, dass die Umstellung auf Lean Prozesse nicht von heute auf morgen funktioniert. »Das ist wie beim Abnehmen«, sagte er und ermunterte dazu, Dinge einfach auszuprobieren. Auch wenn nicht immer alles auf Anhieb klappen kann, werde es sich am Ende auszahlen. Zentraler Faktor für eine erfolgreiche Verschlankung sei, dass die Mitarbeiter mitziehen. Sie als wichtigste Ressource im Unternehmen müssen »wollen, können und dürfen«.

Nachhaltiger Kakao aus Nicaragua

Dass beim Familienunternehmen der Mensch im Mittelpunkt steht, zeigt Ritter Sport auch mit seinem Engagement in Nicaragua. Dort baut der Schokoladenhersteller inzwischen Kakao auf einer eigenen Plantage an – unter fairen Bedingungen und auskömmlich guten Gehältern für die hiesigen Arbeiter. Gleichzeitig macht sich das Unternehmen unabhängig von den schwankenden Kursen auf dem Kakaomarkt. Bis 2020 soll in der Verarbeitung der Anteil nachhaltigen Kakaos bei 100% liegen.

Natürlich ist Lean auch dort ein Thema – denn die Kakaoherstellung ist mit großem Aufwand verbunden. So sind für eine Tonne Kakao 21.000 Früchte nötig, aufs Jahr gerechnet sind das 63 Millionen Stück. Eine Menge, möchte man diese per Hand öffnen. Was macht also Ritter Sport? Erfindet einen automatisierten Fruchtschneider, der 27.000 Kakaofrüchte pro Stunde halbiert. Auch das Fermentieren und Trocknen der Bohnen konnte das Familienunternehmen mit entsprechenden Maschinen von 21 auf zehn Tage reduzieren. Damit hat der Schokoladenhersteller nicht nur seinen eigenen Lean-Anspruch erfüllt, sondern auch dem schwäbischen Erfindergeist alle Ehre gemacht. Ein richtiges Käpsele eben.