Allen Widerständen zum Trotz

10.10.2017

Am Tiefpunkt seines Lebens – nach sechs Suizidversuchen, Aufenthalt in der Psychiatrie und Therapie – droht Saliya Kahawatte der Ort, den er sein ganzes Leben lang zu meiden versuchte: die Behindertenwerkstatt. Doch von Anfang an. Hier beginnt nämlich auch Kahawatte seinen Vortrag beim Heilbronner Gespräch zur Unternehmensführung an der GGS, wo er zum Thema »Unternehmerische Resilienz: Allen Widerständen zum Trotz« spricht. Und Widerstände hat Kahawatte in seinem Leben einige überwunden.

»Wissen Sie, wie es ist, die Welt durch eine  dicke Milchscheibe zu sehen?«, fragt Kahawatte die zahlreichen Besucher an dem Abend. So nämlich sieht er die Welt, grau und verschwommen, nachdem er mit 15 Jahren quasi über Nacht durch eine schwere Netzhautablösung den Großteil seines Augenlichts verliert. Seitdem ist der Sohn einer Deutschen und eines Singhalesen stark sehbehindert – beziehungsweise wie Kahawatte es nennt: körperlich herausgefordert.

Dass er fast blind ist, weiß niemand

Statt sich seinem Schicksal zu ergeben, möchte der Jugendliche sein Leben selbstbestimmt weiterführen. Gegen den Rat der Lehrer geht er nicht auf eine Blindenschule, sondern macht sein Abitur und bewirbt sich anschließend um eine Ausbildung in der Hotelbranche. Als es aufgrund seiner Sehschwäche eine Absage nach der nächsten hagelt, bewirbt er sich weiter, nur verheimlicht er von nun an seine Behinderung. Bald darauf fängt er in einem Hannoveraner Hotel an. Dass er fast blind ist, weiß dort niemand. Damit das so bleibt, nimmt er unglaubliche Anstrengungen auf sich. Er lernt saubere von dreckigen Gläsern durch ihren Klang zu unterscheiden, studiert Weinflaschen heimlich mit einer Lupe, lernt Buchungsnummern auswendig und übt unermüdlich Cocktails zu mixen. »Meine ersten Drinks waren sehr gehaltvolle Getränke«, erzählt er lachend.

Dank seiner Disziplin und seines Ehrgeizes steigt Kahawatte die Karriereleiter nach oben. Er wechselt in ein Hamburger 5-Sterne-Hotel, bedient dort Gäste wie Steffi Graf oder die Rolling Stones. Auch hier bleibt sein Handicap unerkannt. Bald kann er sich einen Traum erfüllen: Gemeinsam mit seiner Freundin bewirtschaftet er erfolgreich ein eigenes Bistro. »Die Gäste rannten uns buchstäblich die Bude ein.« Doch er zollt seiner Lebenslüge langsam, aber stetig Tribut. Seine wachsende Angst, seine Blindheit könnte auffliegen, spült er mit Alkohol runter. Als die Gäste irgendwann im Bistro ausbleiben und seine Lebensgefährtin ihn verlässt, fällt alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Alkohol, Drogen, Medikamente, Selbstmordversuche. Kahawatte ist ganz unten angekommen.

Mund abputzen, weitermachen

Resilienz, das bedeutet wieder aufzustehen, nachdem man gefallen ist. Mund abputzen, weitermachen. Und das tut Saliya Kahawatte. Zurück auf Neuanfang. Wieder legt man dem Deutsch-Singhalesen die Behindertenwerkstatt nahe. Wieder lehnt er ab. Stattdessen beginnt er ein Studium an der Hamburger Hotelfachschule. Wieder kämpft er sich durch – mit einem großen Unterschied: Seine Blindheit verheimlicht er nicht mehr. Nach seinem Abschluss mit der Note 1,9 schreibt er Bewerbungen. »Mehr als 250 Stück«. Keiner will ihn haben. »Ich hatte das Gefühl, dass ich nur auf mein Handicap reduziert werde.« Doch nicht umsonst lautet sein Credo: Man kann in Problemen denken oder in Chancen. Widerstände blockieren ihn nicht, »sie beflügeln mich«. Nach mehr als einem Jahr erfolgloser Selbstständigkeit schreibt der heute 47-Jährige ein Buch über sein Leben. Seine Geschichte fasziniert, die Medien entdecken ihn und auf einmal hagelt es Aufträge.

Heute ist Kahawatte erfolgreicher Unternehmer, Buchautor und vielgebuchter Business Coach – eine wahrhaft filmreife Geschichte. 2017 wird seine Geschichte mit Schauspieler Kostja Ullmann in der Hauptrolle auf die Kinoleinwand gebracht. Hollywood habe auch schon angeklopft, verrät er beim Heilbronner Gespräch an der GGS, um nur wenige Tage später offiziell auf seiner Facebookseite zu verkünden: »‘Mein Blind Date mit dem Leben` geht über den großen Teich!«.